Rechenhilfen für spezielle Anwendungsgebiete

mit diskreten Zahlenwerten

Für eine große Anzahl von Anwendungsbereichen, besonders in der Industrie und Verwaltung, wurden spezielle Rechenhilfen hergestellt. Hier ging es meist nicht um Grundrechenarten, sondern bspw. um Zinsberechnungen oder die Auswahl passender Teile oder Einstellungen. 

Genau wie bei den anderen vorgestellten Rechenhilfen sind sie im Grunde nichts anderes als Tabellen mit mechanischer bzw. verstellbarer Ablesehilfe.
Einsatzgebiete waren bspw.

- Bank/Verwaltung/Buchhaltung: Zins-, Lohn-, Steuer-, Abgabenberechn.

- Bau: Statik und Berechnung von Stahlbeton

- Handel: Gewinn-, Preisberechnungen

- Elektro-/Elektronik: Kabeldurchmesser, Widerstände, Radiosignalstärke...

- Forst/Holz: Volumenbest. aus Stammdicke, Ermittlung der Baumgröße 

- Foto: Belichtungszeiten, Blendenwerte

- Kalender: Anzahl der Kalendertage, ewiger Kalender

- Luftverkehr: Flugstreckenberechnung, Treibstoffverbrauch

- Militär: Dosisberechnung nach Atombombenexplosion, Flugbahn-

  berechnung von Geschossen

- Musik: Berechnung von Harmonien+Akkorden

- Post+Telekommunikation: Kosten für Dienstleistungen

- Umrechnung amerik.+brit. Einheiten in internat. Standardeinheiten SI

- Verkehr/Fahrzeugleistung/Geschwindigkeit

- Vermessung: Winkelfunktionen, Sonnenstand...

u.v.a.

 

Rechenhilfen, bei denen Zusammenhänge graphisch per 2-dimensionaler Kurven dargestellt bzw. ablesbar sind, so genannte Nomogramme, sind unter graphische Rechenhilfen einsortiert.

Rechenhilfen, bei denen die Werte nicht diskret, sondern ähnlich zum Rechenschieber analog per verschiebbarer Skalen ablesbar sind, sind bei analogen Rechenhilfen für spezielle Anwendungen zu finden.

 

Hier einige interessante Beispiele:

Bank/Verwaltung:

Tachylemme

entwickelt von C.L. Chambon, F

hergestellt/vertrieben von Lith. Baster & Vieillemard, Paris, F

produziert von 1876 bis 1880er

17,5x10x3,5 cm; 0,42 kg; in Holzgehäuse mit Glasabdeckung

4 drehbare Walzen mit je 12 Spalten mit je 10 Werten zur Berechnung der Tageszinsen für Beträge von 1 bis 9999 und Zinssätze von 1 bis 6 %. d'Ocagne lobt die für diesen Zweck geniale Ausführung und einfache Anwendung, beklagt aber die  Einschränkung durch die geringe Stellenzahl. 

Späte Modelle wurden unter Chambon & Baye vertrieben. Sehr gesuchtes Sammlerstück.

Link: Tachylemme

Literatur: d'Ocagne S.10f

Druckerei:

Kalkulator - Rechenschieber des Buchdruckers

hergestellt von Karl Willig, Buchdruckerei, Primasens

produziert zu Reichsmarkzeiten (3,16 RM per Nachnahme), also zw. 1924 und 1948

27,7x12,2 cm; 50 gr.; aus Pappe

Zur Berechnung der benötigten Bogenzahl, Preis- und Gewichtberechnung.

Fotografie

Es gibt viele Rechenhilfen vers. Bauarten, mit denen man die richtigen Einstellungen für Blenden/Belichtungszeiten - meist in Kombination mit einem Belichtungsmesser - bzw. die Filmentwicklungsdauer ablesen kann.

Link: Übersicht frühe Belichtungsmesser

Hier ein Beispiel: 

"Wynne's Infallible" Belichtungsmesser - Actinometer

hergestellt von The "Infallible" Exposure Meter Company, Wrexham, Wales

produziert 1893 bis um 1910

Ø 5,0 cm, h 1,0 cm; 50 gr.

Kreisförmig aufgebrachte Skala zum Ablesen der "Blendenwerthe & Werte der Plattenempfindlichkeiten" in Taschen- bzw. Rechenuhrgehäuse. Mit integriertem Belichtungsmesser bzw. Actinometer. Vorderseite auf dt. (selten), Rückseite auf engl. beschriftet. Dort Hinweise, dass bei best. Szenen wie bspw. Meeresaufnahmen Auf-/Abschläge von den angegebenen Werten vorzunehmen sind. Das Gerät gab es auch um 1914 als "Franka Unfehlbar" als dt. Lizenzprodukt.

Link: Beschreibung und Anleitung (engl.); Modellübersicht

Handel:

Schnell & Sicher

zur Preisermittlung aus Gramm oder Pfund

kein Aufdruck, der auf Produzenten oder Jahr hinweist

Aufgedruckt sind Schnell & Sicher, DRGM, Abwaschbar und Davidsterne.

45,5x24,6x3 cm (Scheiben-Ø 24,6 cm); 476 gr.

produziert wohl in den 1920ern in D.

Mit dieser großen Rechenscheibe mit Holzgriff konnte man aus dem vorgegeben Preis in Pfennigen für 1 Pfund bzw. 500 gr. (Spalte) und dem Gewicht in Pfund-Bruchteilen bzw. Gramm (Zeile) den Preis in Pfennigen ablesen.

Grundpreise von 50 Pfennigen bis 350 Pfennigen pro Pfund in 5-Pfennig-Schritten; Gewichte 10, 20, 50, 100, 125 (1/4 Pfund), 150, 200, 250 (1/2 Pfund), 300, 350, 375 (3/4 Pfund), 400, 450 und 500 gr. (1 Pfund).

Wurde wohl in kleinen Lebensmittelläden oder auf Märkten eingesetzt.

Martha Washington - Do satisfy your trade

Schieberechner zur Gewinn- und Preisberechnung

hergestellt von Columbia Novelty Co., Portage, Wis., USA

produziert 1921 / Anfang 1920er (Copyrighted 1921)

14x7,5 cm; 8 gr.

Möglicherweise Werbemittel von Martha Washington pure food products (to satisfy your trade) und/oder Joannes Bros. Company, Green Bay, Wisconsin.

Dieser Pappschieberechner ist ein time saver, which enables you to figure profits and selling price accurately and instantly. Also eine zeitsparende Rechenhilfe, um Preise aus einer vorgegebenen Gewinnspanne (10, 15, 20, 25, 30, 33,33 und 50 %) zu bestimmen (für 1 bis 70 Cent Grundpreis) bzw. aus den Kosten für eine Kiste mit Waren (von 50 Cent bis 30 $) und der darin enthaltenen Anzahl an Waren (12, 24, 36 oder 48 St.) den Preis pro Stück zu bestimmen.

Holzwirtschaft:

CUBUS Rundholzrechenapparat

38x7x6,5 cm; 0,62 kg

Offenbar unbenutzt; in OVP-Pappbox.

Mit Zusatztabelle für "außergewöhnliche Dimensionen" (70-100 cm Durchmesser) und aufgedruckter Kurzanleitung. 

Weitere Beschreibung s.u. bei KUBI:

KUBI Rundholzrechenapparat

Es gab die Vorversionen Cubo für Bretter und Kanthölzer sowie Cubus für Rundhölzer, produziert in den 1920ern (1927 D.R.G.M. 944280) von Holzhändler Edmund Schneider, München (s.o.); um/vor 1908 gab es bereits einen Cubus-Rechenapparat, konstruiert von Eduard Schneider (s.u.) und in den 1910ern vertrieben von Edmunds Vater, Friedrich Schneider, der eine Reihe weiterer Rechengeräte im Angebot hatte (siehe Anzeige von 1912)

Die hier gezeigte Version ist offensichtlich deutlich jünger

43,7x6,5x7 cm; 0,51 kg; Preis (1915): 9 Mark

mit aufgedruckter Anleitung (dort Schreibweise Cubi)

keine Angaben zum Hersteller

Rechenwalze zur Anzeige des Volumens in m³ von Rundhölzern der Länge 0,5 bis 30 m und Durchmessern von 10 bis 70 cm, zzgl. Hilfstafel für Durchmesser von 70 bis 100 cm. 

 

Hermann Stoetzer schreibt 1908 in Die Forsteinrichtung: Ein Lehr- und Handbuch (S. 86): 

"Die Kubiktabelle wird in ganz praktischer Weise durch den Rundholz-rechenapparat Cubus ersetzt, welcher von Eduard Schneider in München konstruiert und in den Handel gebracht worden ist. Derselbe besteht aus einer, um eine Längsachse drehbaren Walze, welche die Kubikinhalte in Kubikmetern und 2 Dezimalen für die verschiedenen Durchmesserstufen angibt, wobei die betreffende Länge am Rand einer die Walze einschliessenden Hülse aufgesucht und danach die Walze gedreht wird. Dieser Apparat erspart das Umblättern in der Kubiktabelle und verlangt dafür ein einfachen Drehen der Walze, welches sehr rasch vonstatten geht."

Evtl. wurde hier aber auch nur der Name Eduard mit Edmund verwechselt; dann hat Friedrich Schneider die von seinem Sohn Edmund entwickelten Rechenhilfen bis etwa 1920 vertrieben, in den 1920ern dann Edmund selbst (gestorben 1929). Auf dessen Cubus ist neben Edmund Schneider als Hersteller noch DRGM 944280 und copyright 1927 by Th. Blechinger, München, angegeben.

 

Im Lehrbuch der Holzmesskunde von Udo Müller, 1915, heißt es auf S. 92f: Der Rundholzrechenapparat Kubus von Edmund Schneider soll das Aufsuchen in der Kubiktabelle ersparen bzw. erleichtern. ... Bei der Anwendung wird durch Drehen der Walze die gemessene Stammlänge auf den Schlitz eingestellt und der Inhalt über der Durchmesserziffer auf dem Zylindermantel abgelesen. Ohne Zweifel erleichtert das Instrument das die Augen stark anstrengende Aufsuchen in einer Tabelle und darf bestens empfohlen werden.

 

Edmund Schneider hat auch die Rechenwalze Miraloga (Walze 61 cm lang, 12,3 cm Durchm.) hergestellt, offenbar nur in kleiner Stückzahl. 

 

Link: Daten zu Edmund Schneider

Kalender:

Tröger - Rechenscheibe für Kalendertage

hergestellt von K.Emil Tröger, Mylau im Vogtland

Durchmesser: 29 cm; 260 gr.

produziert wohl um 1920/30er

K.Emil Tröger ist bekannt für seine logarithm. Rechenscheiben mit 15 und 29 cm Durchmesser, die heute noch sehr häufig anzutreffen sind. Aber er hat auch Rechenscheiben für spezielle Anwendungen herausgegeben, wie z.B. diese, mit der sich die Anzahl von Tagen zwischen zwei Kalendertagen im Abstand von max. 2 Jahren ablesen lässt. Evtl. fehlt hier der Zeiger; sie funktioniert aber auch gut ohne.

Ist zwar aufgebaut wie eine analoge Rechenscheibe, wobei hier in der Anwendung aber nur diskrete Werte (Kalendertage) eingestellt werden.

Ewiger Kalender

Eintrag folgt irgendwann ...

Musik:

Ferguson-Roberts Harmony Calculator

Rechenhilfe von Ferguson-Roberts (Vertrieb Montgomery & Roberts, San Francisco, USA) zur Bestimmung der Akkorde (dur, moll, dominant, vermindert, übermäßig) und für Transpositionen.

Patent US1822457 (eingereicht 15.07.1930, erteilt 08.09.1931) von Kenneth Ferguson-Roberts aus Oakland, Cal., USA.

produziert 1930/31 (pat. pending); Preis:1 US$

8,2x18,2 cm; 19 gr.

in Umschlag mit Anleitung

Post und Telekommunikation:

VIA PACIFIC - tariff calculator

Rechenwalze aus Holz zur Bestimmung der Kosten für Telegramme ("cablegrams") in der Pazifikregion (Nord- und Südamerika mit Karibik, Hawaii, Australien) in Abhängigkeit von Zielort und Anzahl der Wörter.

36,5 cm lang, max. Breite 3,7 cm, Walzen-Ø 24,6 cm; 172 gr.

Herausgegeben wohl von Pacific Cable Board, die ab 1902 bis 1926 in dieser Region die Telegramm-Übermittlung organisierte.

Umrechnungen:

Elemoto Dimension Adder

Rechenscheibe zum Addieren/Subtrahieren von feet, inches und fraction of inches. Da mit Hakenübertrag s.u. Funktion wie Zahlenschieber.

King Fraction Adder

Rechenscheibe von W.G. Classon*, Leominster, Mass., USA

wohl 1900er-1920er

Zum Addieren/Subtrahieren von Brüchen, wie sie als "fraction of inches" (Teilung bis 1/64) in den USA üblich sind, sowie zu deren Umrechnung in Dezimalzahlen. 

12,1x12,1 cm; 57 gr.

Aus Celluloid; in Pappbox mit Anleitung.

*wahrscheinlich Walter Guy Classon, geb. 1874. Von ihm habe ich 3 Patente gefunden, bspw. das Patent US1086440 vom 10.02.1914 zu einem Drafting Instrument.